Blick Theodor

Social Bonding und Social Networking

Nach Wikipedia:
Unter der Dunbar-Zahl versteht man die theoretische kognitive Grenze der Anzahl an Menschen, mit denen eine Einzelperson soziale Beziehungen unterhalten kann, also von denen jemand die Namen und die wesentlichen Beziehungen untereinander kennen kann. Im Allgemeinen beträgt für den Menschen die Dunbar-Zahl 150. Robin Dunbar zufolge stimmt dies mit empirischen Beobachtungen an tatsächlichen menschlichen Gemeinschaften überein. Ob sie auch für sogenannte virtuelle soziale Netzwerke gilt, ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Diskussion.

Die Dunbar-Zahl ist für mich wesentlich, wenn es darum geht, ein eigenes soziales Netz oder eine echte Lebensgemeinschaft anzustreben. Es macht also keinerlei Sinn zu versuchen, mit mehr als 150 Menschen echte soziale Beziehungen einzugehen. Wenn wir aber unsere Situation überprüfen, dann hat jeder von uns viel mehr Beziehungen, zuzüglich die vielen Freunde in den sozialen Netzwerken. Ich denke wir überfordern uns damit laufend, da unser Gehirn, wie Robin Dunbar nachgewiesen hat, einfach nicht dafür ausgelegt ist. Die Überforderung drückt sich dann in sozialen Fehlleistungen, Intransparenz, Verschlossenheit, Scham, Klatsch, Lügen, Krankheit usw. aus.

Wie gehe ich auf diesem Hintergrund nun mit intenetbasierten sog. sozialen Netzwerken um?

Für mich ist ‚das weltumspannende Netzwerk‘ nur eine durch das Internet getriebene aktuelle, aber temporäre, Vernetzungsmöglichkeit zu weiteren Zwecken. Das Internet und seine Derivate (z. B. soziale Netzwerke) ist völlig abhängig von technischen Bedingungen, die bekanntlich je komplexer umso störanfälliger sind. Ich kann nicht in internetbasierten sozialen Netzwerken – und das gilt nicht nur für die grossen wie Facebook oder Twitter, sondern auch in selbstgeschaffenen – eine Grundlage für ein nachhaltiges, unabhängiges soziales Netzwerk oder gar einen Selbstzweck erkennen. Das Internet als Phänomen der Kommunikation und Vernetzung über alle räumlichen und zeitlichen Barrieren hinweg ist faszinierend, die technologischen Grundlagen aber garantiert nicht nachhaltig in einem langfristigen, globalen oder evolutionären Sinne.

Das globale Netzwerk kann/soll man nutzen, nur sich nicht darauf abstützen.

Die einzige kommunikative Grundlage allen Lebens ist die Resonanz, ein rein geistiges Phänomen. Existiert das Internet, so kann der Geist tatsächlich mit all den virtuellen Ausdünstungen des Internets resonieren. Existiert es irgendwann nicht mehr, dann gelten nur noch die dann real vorhandenen direkten persönlichen Beziehungen des nahen Real Life, wie über 2,5 Millionen Jahre. Im Idealfall wäre das eine bereits funktionierende Gemeinschaft (wie über 99,5 % der 2,5 Millionen Jahre). Denn eine Gemeinschaft blieb und bleibt immer kommunikativ und in Sachen ‚social bonding‘ funktionabel, auch wenn jede technische und organisatorische Errungenschaft abhanden gekommen sein sollte.

Deshalb strebe ich eine tiefe Klarheit in meiner Reflektion und in meinen Entscheidungen bezüglich meinem sozialen Netz an. Was ist nachhaltig und ganzheitlich, dauerhaft verlässlich, nährend und inspirierend? Was ist Ersatz, Krücke, Illusion, Nebenschauplatz, Virtualität, Ablenkung, Verblendung?

Je länger, je mehr gilt für mich: Das einzig Nachhaltige ist Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Bewusstheit, Lust im jeweiligen Jetzt – und damit dann das Universum mit seiner Methode der Resonanz weitermachen lassen, nicht selber ‚machen‘.

Selbstverständlich hat das Internet und Vernetzung eine hohe Bedeutung – für uns und für jetzt. Ich bediene mich auch laufend des Internets. Auch jetzt im Moment. Wie gesagt: „Das globale Netzwerk kann/soll man nutzen, nur sich nicht darauf abstützen“. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen das Internet als dauerhafte Einrichtung für ihre Vernetzung ansehen. Und die Vernetzung als neues nachhaltiges Modell des menschlichen Interagierens (Beispiel: die vernetzte Welt als ein eigenständiges gigantisches Gehirn).

Ich bin aus guten Gründen überzeugt, dass die aktuelle Vernetzung temporärer Art sein wird und wir relativ bald in eine Situation zurückfallen, die mit ausfallender technische Infrastruktur (Internet, Verkehr, Transport, Telekommunikation, TV-Unterhaltung, Handelswege…) uns noch mehr auf das zurückwerfen, was wir dann meist sein werden: vereinzelte Wesen ohne Gemeinsinn und ohne direkten sozialen Rückhalt. Wir könnten uns zur Aufgabe machen, für einen solchen Fall schon heute eine sichere und absolut leuchtende Grundlage zu schaffen, die bereits jetzt einen extrem hohen Mehrwert hat gegenüber den genannten gesellschaftlichen Angeboten.

Also das angebotene Netzwerk nutzen, nicht um uns international zu vernetzen (= Selbstzweck Vernetzung), sondern um durch Vernetzung Menschen mit uns direkt zu verbinden (d. h. im Real Life per Social Bonding bzw. besser: Tribal Bonding ) oder sie zu animieren, dasselbe in ihrem jeweiligen Real Life zu tun.

Und das alles nicht aus Angst, sondern aus Leidenschaft, Lust & Liebe.


Autor: Theodor Neumaier, MonteBasso in Eggiwil (Schweiz)
Stand: 13. Juli 2016

Print Friendly, PDF & Email

Ein Gedanke zu „Social Bonding und Social Networking“

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *