Blick Theodor

Überwundener Debitismus

Meine Definition: Debitismus ist Denken und Handeln in Kategorien von ‚Versprechen‘ und ‚Verpflichtung‘.

Klassisch, bzw. über 2,5 Mio Jahre ist (je)der Mensch in seinem Stamm geboren worden, hat dort gelebt, es war ‚seiner‘, und ist inmitten oder unweit von den Seinen gestorben.

Jeder andere Stamm war der ‚andere‘ und teilweise auch der ‚fremde‘ und nicht seiner. Jeder andere Stamm war der, in dem die Menschen anders waren, in den er nicht geboren wurde, der nichts mit ihm zu tun hatte. Man wusste von den anderen, mann/frau ging auch ab und zu hin um im Genpool zu plantschen.

Wurde der Stamm zu groß (mehr als 150 Menschen), wurde er geteilt und dann war man in (s)einem Teil und der andere Teil wurde immer anderser. Wir haben uns parallel geritzt, die Anderen haben sich dann kreuzweise geritzt, die Fremden haben sich Pflöcke durch die Nase gesteckt. Deshalb sind die Fremden auch so komisch.

Und sie sind jene und wir sind…?
… wir selbst halt – dumme Frage!
Deshalb nennen wir uns auch ‚UNSER STAMM‘ und die fremden den ‚Pflockstamm‘, ‚Teller-in-Lippe-Stamm‘, ‚Hochgebundener-Penis-Stamm‘ …
… und lachen uns tot beim Rollenspiel über die.

So und heute haben wir eine komplett andere Situation. Was artgerecht ist, haben wir seit 12.500 Jahren konsequent verlassen (müssen und wollen und vor allem wollen müssen).

Jetzt ist andererseits vielleicht auch die einmalige und besondere Gelegenheit seit vielen Tausenden von Jahren uns wieder zu erinnern, was artgerecht ist, und das dann in neues ‚Tribal Life‘ zu integrieren (Neotribalismus).

Nur, wie ich das allgemein und bei unserer konkreten Gemeinschaft hier im Emmental sehen kann, ist das etwas komplett anderes als Arbeit oder Aufgabe.
Es ist Wollen.
Und Tun.

Im Zusammenhang mit Gemeinschaften wird dann üblicherweise immer von ’notwendigem Vertrauen‘ und ‚gemeinsamer Verantwortung‘ gesprochen. An dieser Stelle kommen die Leute von heute dann automatisch mit diesen subtilen Begriffen.

Für mich ist da einfach weiterhin das mit der Zivilisation entstandene machtpolitische Denken – nur zu aller Beruhigung – etwas beschönigt. Einfach ein machtpolitischer Hebel.

Irgendwer sagt uns mal wieder, welche Verantwortung wir ‚zu tragen haben‘. Ich z. B. bin so ein Typ, der sogar wider besseres Wissen so was denken, glauben und sagen kann, wenn ich nicht aufpasse. Und das passiert mir schneller, als mir lieb ist.

In den vorzivilisatorischen tribalistischen Gemeinschaften gab es keine derartige Verantwortung. Man lebte einfach, selbstverständlich, ohne Druck. Die Regeln der Gemeinschaft waren konsensual und schwarmintelligent gebildet, diskussionslos verinnerlicht. Niemand musste einen an Verantwortung oder an irgendwelche tribalistische Pflichten erinnern.

Wenn eine/r auf neue Ideen kam (z. B. neues Muster ritzte, aus Selbstironie den Penis hoch band oder sexy Baströcke flechtete …), wurde ihm/ihr nicht gesagt, dass so was im Clan nicht geht, sondern es wurde entweder nachgemacht (weil inspiriert) oder kurz belacht bzw. mit Schulterzucken bedacht (ignoriert).

Der Schwarm hat entweder ’ne Kurve gemacht oder ist geradeaus weitergegangen.
Ganz einfach.
Beides intelligent.
Beides menschlich.
Beides Leben.
Beides artgerechtes tribalistisches Leben.
Oder Evolution.

Niemand hat ein Tribunal veranstaltet, oder den ganzen Stamm zur Abstimmung zusammengerufen. Im Gegenteil: Der mit den größten umgesetzten Innovationen war der Zauberer mit der größten Achtung. Trommeln, Theater, Palaver und vor allem Lachen (nebenbei: das alles basiert auf Resonanz) hat komplett zur Schwarmbildung ausgereicht. Jedenfalls hat niemand am Feuer von Vertrauen, Verantwortung oder gar Pflichten geredet. Auch nicht Zuhause im Wigwam!

Obwohl, die längste Zeit, Millionen von Jahren, gab es gar kein Zuhause. Das Gefühl von ‚Zuhause‘ an einen Ort, eine Hütte zu binden wäre für jede und jeden grotesk gewesen. Das Zuhause war doch ‚mein Stamm‘. Das Zuhause war, wo es keine Pflicht, kein aufzubauendes Vertrauen, keine Verantwortung, keine Regeln, kein Bestimmer, kein Häuptling, kein Guru … gab.

Ich wünsche mir Menschen, die das erleben wollen, die ihre Energie gemeinschaftsbindend (social oder besser: tribal bonding) einbringen. Menschen, die die Gelegenheit sehen …
… und diese gestaltend für sich und alle nutzen.

Wir Menschen sind große Zauberer.
Es ist Wollen.
Und Tun.

Natürlich sehen wir die allgemeine zivilisatorische und menschliche Situation. Wir sind so entmeinschaftlicht, dass wir heute bald alle als Singles leben.
Auch Polyamorie ist, so wie wir es meist sehen und erleben, eher eine auf urbane Singles zugeschnittene Lebensform, wo Liebe und Zuneigung häufig dosiert und organisiert wird.

Manchmal höre ich so was wie: „Bewusstheit und Aufmerksamkeit statt Regeln und Verpflichtungen entspricht mir sehr, meiner Ansicht nach braucht es dabei aber einen sehr hohen Bewusstheitsgrad.“

Ja, was ist schlecht an einem hohen Bewusstheitsgrad? Ist das nicht gerade das Erstrebenswerte? Vielleicht sogar das ‚Artgerechte‘?

Ich kann mir auch vorstellen, dass man wieder ‚vorwärts zurück‘ findet in tribalistische Strukturen (Gemeinschaft als System), in der die Menschen diesen Bewusstseinsgrad pflegen bzw. bei Unbewusstheit nicht in Rückzug oder Trennung gehen.

Je stärker der Mensch vereinzelt und je weniger Vertrauen da ist, erinnern irgendwelche Teile in ihm wieder an alte Seinszustände und Gefühle. Der Weltschmerz treibt sie um.

Dazu gehört zuerst der heute von praktisch allen gelebte Zustand am rationalistischen Ende der Seinsskala. Die Sehnsucht nach Irrationalität, nach stillem Wissen, nach Instinkt, nach Herz ist plötzlich wieder da, nach Jahrhunderten bzw. Jahrtausenden der Sehnsucht und Jagd nach Ratio, nach Vernunft.

Zweitens geht die Welt mit dem alten System (Macht, Regeln, Schuld, Verschuldung…) vor die Hunde und zieht alle mit. Die Welt steht am Abgrund, manche spüren das und wünschen einen positiven Weg für sich und ihre Kinder.

Drittens möchten viele einfach Sinn spüren und leben – und den gibt es halt einfach nicht unter Rationalität und evolutionärer Selbstauslöschung.

Für mich gelten alle drei.

Man kann von sich und den anderen Gemeinschaftsmitgliedern ‚Bewusstheit und Aufmerksamkeit‘ verlangen. Man kann vielleicht aber auch selbst lieben, vergeben, resonieren, die Herzen ausstrecken, transparent leben, seine Präsenz entwickeln, in die Gemeinschaft wurzeln treiben …

Wer will das wollen?
Und tun?

Tribalistische Gemeinschaft ist, wo wir heil werden. In Isolation oder unter Regeln, Verpflichtung, Verantwortung, Verschuldung… werden wir nicht heil.
Wikipedia: Heil drückt Begnadigung, Erfolg, Ganzheit, Gesundheit und in religiöser Bedeutung insbesondere Erlösung aus.
Für mich als Formel gilt:
Heilung ist artgerechtes Leben – Artgerechtes Leben ist Heilung

Soweit das Wort zum Sonntag 😉
Hahaha…


Autor: Theodor Neumaier, MonteBasso in Eggiwil (Schweiz)
Stand: 16. September 2018

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